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Ist jemand, der in sozialen Netzwerken über Weine schreibt, die er probiert hat, ein Weinkritiker? Was macht überhaupt einen Weinkritiker aus, damit man ihn so nennt? Diese Fragen sind nicht so trivial, wie sie auf den ersten Blick scheinen mögen.

Vorab ein Hinweis: Wann immer hier von „der Weinkritiker“ die Rede ist, ist damit stets auch „die Weinkritikerin“ gemeint. Dieser Beitrag soll und will nicht den Eindruck erwecken, dass Weinkritik eine reine Männerdomäne wäre, doch um des besseren Leseflusses willen verwende ich – gewissermaßen stellvertretend für beide Geschlechter – durchgängig die maskuline Form des Begriffs.

Lexikon-Definitionen

Schauen wir uns zunächst an, was einschlägige (Online-)Lexika zu diesem Thema zu sagen haben:

Das Wein-Plus Glossar definiert Weinkritiker als „professionelle Degustatoren, die regelmäßig Weinbewertungen vornehmen und die Ergebnisse in Büchern, Journalen und Weinführern veröffentlichen.“ Hier werden zwei wesentliche Elemente genannt, die für die Tätigkeit des Weinkritikers konstitutiv sind: das Bewerten von Weinen und das Veröffentlichen der Ergebnisse.

Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia geht weiter ins Detail: „Weinkritiker sind Autoren, Journalisten und Weinkenner, die als Experten des Weinmarktes gelten. Sie degustieren und bewerten den Wein als Sachverhalt und veröffentlichen ihr Urteil. Die Weinbewertungen werden sowohl sprachlich mit dem speziellen Fachvokabular der Weinsprache ausgedrückt, als auch mittels additiver Zahlensysteme. Die Bewertung erfolgt nach einer Degustation, die blind oder in Kenntnis des verkosteten Weins erfolgen kann. Die Verkostung dient der Untersuchung, der Analyse, der Beschreibung und der Klassifizierung eines Weins. Der Weinkritiker bedient sich bei der Klassifizierung einer mehr oder weniger präzise erscheinenden Bewertungsskala. Weinkritiker haben durch ihre Publikationen und medialen Aktivitäten den Bekanntheitsgrad, das Image, die Preisbildung und Stilistik vieler Weine beeinflusst.“ Auch hier erscheinen die zentralen Kriterien Bewerten und Veröffentlichen, darüber hinaus wird auf das Verkosten – das die Voraussetzung für das Bewerten ist – näher eingegangen.

Persönliche Bestandsaufnahme

In einem (schriftlichen) Interview für die Internetseite medienfrage.de antwortete ich unlängst auf die Frage, ob jeder Laie Weinkritiken schreiben könne (was ich verneinte): „Ein ernst zu nehmender Weinkritiker muss [...] über alle Weine der Welt kompetent schreiben können. Er muss seine Sensorik über Jahre und Jahrzehnte trainiert haben (und tut das während seiner Tätigkeit ununterbrochen weiter), er muss mindestens eins der weltweit anerkannten Bewertungsschemata (100 oder 20 Punkte) jederzeit souverän anwenden, und er muss – das ist vielleicht das Entscheidendste – die Qualität eines Weins (jedes Weins!) unabhängig von seinem eigenen Geschmack fachlich beurteilen können. Darüber hinaus muss er die professionelle Weinsprache beherrschen, d.h. das Fachvokabular, um Weine zu beschreiben und zu bewerten; Grundlage dafür ist das so genannte Aromarad. Jeder Mensch kann sagen, ob ein Wein ihm schmeckt oder nicht; deutlich weniger Menschen können sagen, warum ein Wein ihnen schmeckt oder nicht, und noch weniger können ihre sensorischen Wahrnehmungen beschreiben und zuordnen. Ein Weinkritiker muss einen Wein professionell beurteilen und beschreiben können, auch wenn dieser ihm selbst nicht schmeckt. [...] Diese Abstraktionsfähigkeit ist die größte Kunst und Herausforderung im Job des Weinkritikers.“

Darauf aufbauend ergeben sich meines Erachtens mindestens vier Voraussetzungen, die ein Weinkritiker erfüllen muss, damit er diese Bezeichnung verdient:

1. Fachkompetenz
Der Weinkritiker muss als jemand wahrgenommen und anerkannt werden, der Weine kompetent beurteilen kann; das ist die wichtigste und wesentlichste Grundvoraussetzung. Dafür ist sowohl entsprechendes Fachwissen über Weine (Herstellungsverfahren, Herkunftsgebiete etc.) als auch eine ausreichende Degustationserfahrung erforderlich. Da Weinkritiker kein klassischer Ausbildungsberuf ist, gibt es in diesem Tätigkeitsfeld viele Quereinsteiger. Weinwissen kann man sich anlesen – verkosten lernt man jedoch nur durch Anleitung und Training; einschlägige Lehrgänge und Seminare sind daher unentbehrlich. Allerdings macht auch ein WSET-Diplom oder der Titel Weinakademiker oder Master of Wine den Träger nicht automatisch zum Weinkritiker.

2. Öffentlichkeit und Identifikation
Die zweite wesentliche und wichtige Grundvoraussetzung dafür, dass jemand als Weinkritiker bezeichnet werden kann, ist eine gewisse öffentliche Aufmerksamkeit, d.h. die Veröffentlichung und Verbreitung seines Urteils über Weine. Hier stellt sich die Frage, ob die Publikation in einem „offiziellen“, institutionellen Medium erfolgen muss oder ob soziale Netzwerke und Blogs als Publikationsmedien ausreichen. In jedem Fall muss die Weinbeurteilung unter dem Namen des Weinkritikers publiziert werden, d.h. er muss eindeutig identifiziert und die Weinkritik muss ihm eindeutig zugeordnet werden können.

3. Systematik
Eine weitere entscheidende Voraussetzung ist, das es bei der Weinkritik um eine sensorische Beurteilung und nicht um eine analytische Prüfung geht. Die Bewertung muss systematisch nach festgelegten, anerkannten Kriterien erfolgen (etwa auf der Basis des DLG-Prüfschemas oder der OIV-Norm für internationale Weinwettbewerbe). Die Weinbeschreibung muss in der dafür vorgesehenen Fachsprache (auf der Basis des bereits erwähnten Aromarads) verfasst sein.

4. Intersubjektivität
Die vielleicht schwierigste Voraussetzung ist das Vermögen des Weinkritikers, von seinen eigenen Geschmacksvorlieben zu abstrahieren: Bei seinem Urteil darf es keine Rolle spielen, ob er den betreffenden Wein persönlich mag oder nicht. Dabei tut sich die Frage auf, inwieweit Weinkritik überhaupt objektiv und neutral sein kann. Um diese – völlig berechtigten – Forderungen zu erfüllen, bedarf es – mindestens – zwingend der Blindverkostung, die im Idealfall in einem ablenkungsfreien und für alle Weine identischen Umfeld erfolgen sollte.

Kann vor diesem Hintergrund jemand ein semiprofessioneller Weinkritiker sein? Und wenn ja: Was ist das? Hier setzt die begriffliche Abgrenzung zum Verkoster und zum Qualitätsprüfer an. Ein Weinkritiker muss alle vier genannten Voraussetzungen erfüllen; tut er es nicht, ist er allenfalls ein Verkoster. Dieser Begriff ist ebensowenig geschützt oder klar definiert wie der des Weinkritikers, doch Verkoster sind beispielsweise Einkäufer und Verkäufer im Weinhandel, -import und -export (weil ihr Urteil selten veröffentlicht wird und/oder von Vermarktungsinteressen beeinflusst sein kann) oder auch Juroren bei Weinwettbewerben (weil ihr Urteil im Endergebnis nicht eindeutig zuordenbar ist). Unter Qualitätsprüfern verstehe ich Lebensmitteltester, die sowohl sensorisch als auch analytisch arbeiten können und deren Urteil auch nicht unbedingt veröffentlicht wird.

Insider-Stimmen

Thommy Witteck hat im Vicampo-Magazin vor gut eineinhalb Jahren einen markigen Artikel über Weinkritik geschrieben und darin seine Sicht der Dinge dargelegt. Ich nahm meinerseits die Recherche für diesen Blogbeitrag zum Anlass, in der Facebook-Gruppe „Hauptsache Wein“ die Frage zu stellen: „Was ist ein Weinkritiker?“ Genauer: „Welche Voraussetzungen muss jemand erfüllen, damit man ihn als Weinkritiker bezeichnen würde?“

Insgesamt gab es über 60 Kommentare von mehr als 20 Gruppenmitgliedern, für die mich an dieser Stelle auch noch einmal herzlich bedanke. Fast alle sahen das Thema ähnlich wie ich, einige steuerten erweiternde Aspekte bei:

Karl Reiter erklärt: „Weinkritiker ist jeder, der sich berufen fühlt, seine Meinung zu einem Wein kundzutun. Nicht mehr und nicht weniger.“ Genau dem widerspreche ich jedoch vehement und schreibe deshalb diesen Beitrag.

Robert Kemmler meint: „Er muss mindestens zehn Jahre in dem Weingebiet Experte sein, sprich mindestens 100 bis 200 Weine pro Jahr verkosten. Das Ganze aber immer nur regional. Er muss viele Winzer kennen. Er sollte jahrgangstypische Merkmale erkennen beim Verkosten. Er sollte auch viele gereifte Weine verkostet haben. Er sollte das Lagerpotenzial eines Weines abschätzen können. Er sollte immer dazulernen.“ Auch dieser Aussage kann ich nicht in allen Punkten zustimmen. Der kategorisch regionale Ansatz ist mir hier zu eng; allerdings kann sich ein Weinkritiker auf einzelne Regionen spezialisieren.

Sara-Sira Da Val Franco führt aus: „Es sollte ein unabhängiger Fachmann sein mit genügend Erfahrung und den Fähigkeiten, einen Wein objektiv zu beurteilen. Auch die Verkostung sollte nach einem anerkannten Schema vonstatten gehen (z.B. SAT, WSET oder vergleichbar). Problem ist, dass manche Menschen sich hinstellen und von sich selbst sagen, sie seien ein Experte oder ein Wein-Kritiker. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Menschen über eine Fangemeinde verfügen, die diese Beurteilungen gar nicht hinterfragt. Es ist ein schwammiger Begriff – Definition fehlt.“ Und ergänzend greift sie das Kriterium der Intersubjektivität auf: „Wenn ich einen Wein beruflich verkoste, sollte man an den Verkostungsnotizen nicht merken, ob ich ihn mag oder nicht. Ich kann ihm eine hohe Bewertung geben, wenn er guter Qualität (oder besser) ist, aber es heißt nicht, dass ich diesen Wein unbedingt mag. Genauso muss ich Weine verkosten können, die nicht meinem Geschmack entsprechen – und trotzdem in der Lage sein, sie zu bewerten. Man sollte unterscheiden können zwischen dem, was mir ‚schmeckt‘ und dem Festhalten der Eigenschaften des Weines.“

Das postuliert auch Norbert F. J. Tischelmayer: „Die wichtigste Eigenschaft ist bzw. wäre es, seine eigenen Vorlieben völlig außer acht zu lassen – und das schafft kaum wer.“

Stephan Bauer fordert: „Das Allerwichtigste: Er muss viel Wein getrunken haben und Wein einordnen können, vergleichen können. Daneben muss der Weinkritiker schreiben können.“

Markus Zahn differenziert denselben Ansatz etwas weiter aus: „Er muss mit der Materie vertraut sein, er muss erst einmal nicht schreiben können – sekundär. Er muss die Geschichte bzw. Tradition der Weine, des Stils, der Region, des Umfeldes kennen, um die Weine, die er beschreibt oder deren Kritik er verfasst, in einen Zusammenhang zu bringen und um Vergleiche mit der Historie und deren jeweiliger Entwicklung in der jüngeren Geschichte anzustellen. Das alles fachlich fundiert – nicht nur durch unzählige Proben, sondern auch durch Erleben der jeweiligen Menschen und ihrer Region... abendfüllendes Thema...“

Thomas Lippert definiert: „Für mich muss ein Weinkritiker qualifiziert sein, muss verstehen, warum ein Wein schmeckt, wie er schmeckt, noch bevor er ihn be- und verurteilt. Er ist ein Fachmann der Sensorik und auch der Sprache, die er nutzt, den Wein zu beschreiben. Dazu muss er absolut neutral und glaubwürdig sein, sollte für mein Empfinden einen gewissen Abstand zur Weinszene wahren, denn das kumpelhafte ‚Du‘ oder der Wochenendurlaub mit Granden der Weinszene nimmt ihm für mein Gefühl den Nimbus der Neutralität.“

Helmut O. Knall geht darauf direkt ein: „Ein Weinkritiker, ist einer, der da um neun in der Früh reinkommt und das nicht toll findet, sondern sich einfach niedersetzt und arbeitet. Und da ist es völlig wurscht, ob er mit dem einen oder anderen Winzer oder Oenologen per Du ist, ja, vielleicht sogar befreundet ist (das passiert einfach im Lauf der Jahre), weil Freunde eher strenger bewertet werden, als dass sie einen Vorteil genießen würden.“

Thorsten Mücke fasst mehrere der genannten Punkte zusammen: „Um Neutralität bemüht, viel sensorische Erfahrung und Vergleichswerte habend, eine systematisierte Weinansprache nutzend, wissend um die Weinbereitung und die Herkunft gewisser Geschmacksnuancen, subjektive von objektiven Eindrücken zu trennen versuchend, nicht auf einen Geschmack festgelegt, kritikfähig, einem Wein genug Zeit einräumend, den Charakter eines Weins vermittelnd, sich nicht nur mit Punkten ausdrückend. Das ist zumindest ein Weinkritiker, dessen Kritiken ich gerne lese.“

Harriet Köhler betont die Kriterien der Fachkompetenz und der Öffentlichkeit: „Ich würde sagen, er muss (analog zum Literaturkritiker oder Gastrokritiker) professionell bzw. professionalisiert (d.h. nicht hobbymäßig) Weinkritiken bzw. -besprechungen publizieren. Ob er dazu befähigt ist und wie gut er das macht, ist zumindest bei oben genannter Fragestellung erstmal zweitrangig.“

Andreas Durst hat ein deutlich engeres, abweichendes Verständnis von Weinkritik: „Weinkritik findet statt, wenn Winzer zusammen Weine probieren und diese auseinandernehmen. Alles andere ist Weinbeschreibung, Weinjournalismus oder der Wunsch, sich über Wein zu äußern. Und das meine ich absolut nicht abwertend. Klar ist Weinverkosten Arbeit, wenn es professionell ausgeführt wird. Das würde ich dann Weinverkoster nennen.“

Joachim Kaiser geht weiter ins Detail und zeigt die Grenzen der Definition auf: „Ein Weinkritiker kann Winzer sein, muss er aber nicht. Er kann Weinjournalist sein, muss er aber nicht. Ein Weinverkoster kann Weinkritiker sein, muss er aber nicht. Aber er muss auf jeden Fall Weinverkoster sein, sonst ist er nur ein Fall für den Psychiater. Ein Weinverkoster kann Weinkritiker sein, muss er aber nicht. Allerdings ist mit jeder Weinverkostung auch eine Bewertung verbunden. Die kann ganz einfach sein: schmeckt mir – schmeckt mir nicht. Professionell wird sie zumindest etwas differenzierter sein, z.B. Bewertung nach den Kriterien der Weinprüfung. Wenn ein Wein da durchfällt, ist damit natürlich auch inhärent eine Kritik verbunden: Der Wein ist zu schlecht, um eine AP-Nummer zu bekommen. Ähnlich ist es mit dem Weinkritiker. In aller Regel wird er etwas über die bewerteten Weine schreiben, also gleichzeitig journalistisch tätig sein. Die Übergänge sind also fließend.“

Gerhard Retter erweitert das Kriterium der Intersubjektivität um einen wertvollen, prägnanten Aspekt: „Was befähigt einen Kritiker? Der eigene Geschmack und die Fähigkeit, diesen zu hinterfragen!“

Felix Bodmann lenkt den Blick auf die Zielsetzung, die ein Weinkritiker mit seiner Tätigkeit verbindet: „Ich denke, ein Weinkritiker ist jemand, der sich öffentlich wertend über Weine äußert mit der Absicht, das Kauf- oder Konsumverhalten seiner Leser bzw. Zuschauer zu verändern oder beeinflussen. Und da Weinkritiker kein öffentlich bestelltes Amt ist, sind alle Weinkritiker selbsternannte Weinkritiker. Es gibt auch Leute, die sich öffentlich wertend über Wein äußern, nicht mit der Absicht anderer Menschen Konsumverhalten zu verändern (mich zum Beispiel), und dies trotzdem tun. Ob die dann Weinkritiker wider Willen sind, bliebe zu diskutieren.“

Manfred Klimek spricht ein neues, zusätzliches Definitionskriterium an: „Ich wurde ‚Weinkritiker‘ durch Zufall. Weil ich gerne Wein trinke. Und weil ich auch Wein mache. Eine akademische Ausbildung sehe ich als nicht notwendig an, vielmehr – und das vermisse ich gerade in Deutschland sehr oft – die Integration von Wein in das Leben. Also nicht nur Wein zum Essen und Anlasswein, sondern Wein als Teil einer zivilisierten Rauschkultur, Wein als Kulturlandwirtschaft ersten Ranges. Verknappt gesagt: Ein Weinkritiker muss Wein in das Gesamte setzen und der Separation trotzen, jenen, die Wein überhöhen.“

Lutz Heimrich bekräftigt den Punkt der „Integration von Wein in das Leben“ und ergänzt: „Hinzufügen möchte ich gern die Leichtigkeit, damit unprätentiös umzugehen. Und auch: gehypter Durchschnittsqualität mit Argumenten und seinem Namen entgegenzustehen.“ Für ihn sind die definierenden Eigenschaften eines Weinkritikers: „Überblick. Erfahrung. Fachkenntnis. Objektivität. Bescheidenheit und an der richtigen Stelle gern Selbstbewusstsein.“

Armin Busch äußert sich umfassend: „Für mich sollte ein Weinkritiker Erfahrung mit Weinen haben und diese aufgrund dieser in ihren Kontext einordnen können. Dazu gehört es, dass man weiß, woher ein Wein kommt, wie die anderen Weine der Region sind und welches im Allgemeinen, aber auch für einen selbst die Maßstäbe für einen Weintypus sind. Die Einordnung in das tägliche Leben halte ich, ähnlich wie Manfred Klimek, auch für sinnvoll. Denn kein Mensch trinkt Wein, weil er es muss. Also sollte ein guter Weinkritiker immer auch den Rahmen miterzählen, in dem der Wein getrunken wurde. Objektivität ist ja immer schwer zu definieren, mit ausreichender Erfahrung sollte man ein eigenes Koordinatensystem haben, innerhalb dessen man verkostete Weine einordnen kann, und man sollte seinen Lesern bzw. Zuhörern erklären können, woraus das eigene Bewertungsschema besteht. Es ist auch nicht so, dass ich nur Weinkritiken gut finde, die ich sensorisch nachvollziehen kann; wenn man mir erklärt, das man mit einem Wein erlebt, dann kann das für mich auch bereichernd sein. Selbst wenn mir dann am Ende der positiv beschriebene Wein nicht gefällt. Am wichtigsten, man sollte sein eigenes Urteil nie als sakrosankt ansehen. Weinkritiken, die damit enden, dass man alle, die das anders sehen, als komplette Narren ansieht, empfinde ich als unangenehm. Schöner finde ich es, wenn der Kritiker seine Rezipienten dazu auffordert, sich selbst Gedanken zu machen. Das heißt nicht, dass der Weinkritiker keine eigene Meinung haben sollte, ganz im Gegenteil.“

Mitunter geradezu philosophisch ist der umfangreichste aller Kommentare von Thorsten Kogge, der viele der angesprochenen Punkte resümiert: „Der Begriff ‚Weinkritik‘ wird oft verwendet für alle möglichen Arten der Weinbeschreibung oder der persönlichen Meinungsäußerung über Wein. Mengenlehre: Jede Kritik ist eine Beurteilung, aber nicht jede Beurteilung ist eine Kritik.“ Kogge strukturiert seine Argumentation mit zwei rhetorischen Fragen; erstens: „Was ist ein Weinkritiker? Die kürzeste Antwort: Jemand, der von Lesern und von seinen ‚Peers‘ als Weinkritiker wahrgenommen wird. Im Unterschied jedoch zu manchen ganz klar definierten Berufsbildern wird es nie eine Standardisierung dieses Berufes geben, ebenso nicht wie für den des Journalisten. Einerseits ist das gut, weil es keine Beschränkung der kritischen Sprache geben darf. Andererseits schlecht, weil sich dann jeder selbst zum Kritiker aufschwingen kann, egal ob fundiert oder nicht. Die Schwierigkeit, dabei den Kritiker vom Nicht-Kritiker abzugrenzen: Es gibt keinen ‚richtigen‘ Umgang mit Sprache; der Überschuss an Sprech- und Deutungsmöglichkeiten wird durch die Sprache selbst mitgeliefert. Ein paar Kriterien, die die kritische von der unkritischen Sprache unterscheiden, ließen sich dennoch diskutieren: Eine Weinsprache wird ‚kritisch‘, wenn sie abwägend beurteilt, konzeptionell vergleicht (will gelernt sein!), daran erinnert, dass Anspruch und Wirklichkeit vielleicht auseinanderklaffen, wenn sie Täuschungen enttarnt usw. Aber: Kritik muss nicht per se negativ sein, auch wenn es gerade bei der Positivkritik im Weinbereich immer schwieriger wird, diese von reinem Marketing abzugrenzen (sollte eigentlich weniger das Problem der Kritiker sein, sondern eher das der Vermarkter!).“ Und zweitens: „Was unterscheidet Kritik von Beschreibung? Eine Beschreibung hinterfragt den eigenen Eindruck nicht und gibt auch keine Anleitung, wie der Weintrinker Wein oder seine eingeübten Denkweisen hinterfragen bzw. befragen kann. Was unterscheidet die Berufe Verkoster und Kritiker? Die meisten Verkoster gehen nicht kreativ mit Sprache um (müssen sie auch nicht per se), oder sie beschränken sich auf beschreibende Verkostungsnotizen; viele adressieren ja schon von Berufs wegen keine Konsumenten. Ein Weinkritiker hingegen darf den Konsumenten nicht ignorieren, und das beinhaltet ebenfalls, den eigenen Geschmack nicht für unfehlbar zu halten sowie ‚subjektiven Geschmack‘ und ‚nachvollziehbare Qualität‘ zu unterscheiden bzw. unterscheidbar zu machen. Das Ziel von Kritik ist Sensibilisierung, nicht 1:1-Indoktrination.“

Revision und Fazit

Unter Berücksichtigung der zahlreichen Gedanken der Facebook-Gruppenmitglieder lassen sich die vier Definitionskriterien für den Begriff des Weinkritikers wie folgt ergänzen:

1. Fachkompetenz
Fachkompetenz ist für alle Kommentatorinnen und Kommentatoren die unabdingbare Grundvoraussetzung für die Tätigkeit und den Status des Weinkritikers. Die Kompetenz bezieht sich dabei auf drei Bereiche: Fachwissen über Weinarten, Weinstile, Weinregionen und Weinbereitung; mehrere Jahre umfassende Erfahrung im Verkosten und sensorischen Beurteilen von Weinen; und die Fähigkeit, anschaulich, verständlich und ansprechend über Weine zu schreiben.

2. Öffentlichkeit und Identifikation
Dass die Weinkritik veröffentlicht sein muss, steht für die Kommentatorinnen und Kommentatoren ebenfalls außer Frage. Dabei – und hier bringe ich auch meine eigenen weiterführenden Überlegungen mit ein – ist es unerheblich, ob die Publikation in einem Print- oder Online-Medium erfolgt. Ebenso ist es unerheblich, ob der Weinkritiker selbst Herausgeber des betreffenden Mediums oder in angestellter Funktion tätig ist. Einige Beispiele: Robert Parker gründete seinen „Wine Advocate“ selbst, und auch Gerhard Eichelmann gibt den Weinführer, der seinen Namen trägt, in seinem eigenen Verlag heraus. Bei Wein-Plus ist Marcus Hofschuster die Kritikerinstanz und untrennbar mit dem Weinführer verbunden, aber er hat die Firma weder gegründet noch leitet er sie. Eine wichtige Forderung bei der Publikation ist jedoch die, dass dabei das Beurteilungssystem erklärt wird, nach dem die Weine verkostet und bewertet werden. Werden die Hintergründe und Rahmenbedingungen der Weinkritik nicht offengelegt, beeinträchtigt das ihre Seriosität. Da soziale Netzwerke dieses Postulat nicht leisten können, kann nach meinem Verständnis jemand, der ausschließlich auf diesen Kanälen Weine beurteilt, kein Weinkritiker im Sinne der hier aufgestellten Definition sein. Mit einem Blog wäre das indessen durchaus möglich.

3. Systematik
Dass ein Weinkritiker systematisch und mit fachlich anerkannten, nachvollziehbaren Methoden arbeitet, ist unter den Kommentatorinnen und Kommentatoren gleichfalls unstrittig. Diese müssen, wie gesagt, auch offengelegt werden.

4. Intersubjektivität und Neutralität
Die Neutralität und Abstraktionsfähigkeit von eigenen geschmacklichen Vorlieben wird ebenso von vielen Kommentatorinnen und Kommentatoren genannt, aber gleichzeitig auch als das anspruchsvollste Postulat wahrgenommen. Der Weinkritiker muss sowohl von seinem eigenen Geschmack als auch von etwelchen Verkaufsaspekten unabhängig arbeiten, d.h. sein Urteil darf nicht durch kommerzielle Interessen von Erzeuger- oder Handelsseite beeinflusst sein. Diese beide Punkten werden sicher den größten Diskussionsbedarf generieren und behalten.

5. Integration
Das Kriterium der Integration, das Manfred Klimek in seinem Kommentar angeführt hat und das mehrere andere aufgegriffen haben, nehme ich gern als fünfte Voraussetzung für die Tätigkeit und den Status des Weinkritikers auf: Er muss Wein zu einem zentralen Inhalt seines gesamten Berufs- und Privatlebens machen – anderenfalls kann er auch dem Anspruch der umfassenden Fachkompetenz und des ständigen Trainings nicht nachkommen.

Der Nachweis, dass jemand, der sich als Weinkritiker betrachtet und bezeichnet, alle diese Voraussetzungen erfüllt, ist sehr schwierig – insbesondere hinsichtlich der Fachkompetenz und noch mehr hinsichtlich der Intersubjektivität oder der Integration. Hier werden Image und Vertrauen zwei wesentliche Faktoren sein, nach denen sich die Akzeptanz eines Weinkritikers richtet. Am Ende muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er dem Urteil eines Weinkritikers Glauben schenkt und diesen als solchen akzeptiert. Da gibt es nur eins: selbst probieren!

 


 

Eine sehr lesenswerte Replik auf diesen Artikel mit neuen Blickwinkeln und Denkanstößen (und mit interessanten Leserkommentaren) hat im Oktober 2016 Felix Bodmann in seinem Blog "Der Schnutentunker" veröffentlicht: Was macht einen guten Weinkritiker aus?